Digitale Leit- und Sicherungstechnik

Für mehr Kapazität und Pünktlichkeit im Eisenbahnverkehr

Das Ziel der Bundesregierung: Bis 2030 sollen doppelt so viele Fahrgäste die Eisenbahn nutzen und deutlich mehr Güterverkehr auf der umweltfreundlichen Schiene transportiert werden. Um diese Ziele zu erreichen, stellt die Digitale Schiene Deutschland schon jetzt die wichtigsten Weichen.

Derzeit betreibt die DB Netz AG rund 2.500 Stellwerke. Allerdings gibt es viele unterschiedliche Stellwerkstypen – vom mechanischen Hebelstellwerk aus Kaisers Zeiten bis hin zum modernen Digitalen Stellwerk (DSTW).

Um die Zuverlässigkeit, Qualität und Wirtschaftlichkeit der Leit- und Sicherungstechnik zu erhöhen, werden frühere Stellwerkstypen, vorrangig nicht ETCS-fähige Stellwerk-Bauformen, abgelöst. Die ESTW sind in vielen Fällen ETCS-kompatibel und somit für den Rollout einsetzbar, solange ihre Lebensdauer noch nicht überschritten ist. Als integratives System mit seinen standardisierten Schnittstellen wird das DSTW in Verbindung mit dem einheitlichen integrierten Leit- und Bediensystem (iLBS) zum Herzstück der Digitalen Leit- und Sicherungstechnik (DLST).

Neben DSTW ist auch der Rollout des ETCS im Rahmen der DLST von großer Bedeutung: Im wirtschaftlich und politisch immer stärker zusammenwachsenden Europa ist es die Grundvoraussetzung für einen nahtlosen grenzübergreifenden Bahnverkehr.

Erstes Digitales Stellwerk für Fernverkehrsstrecke in Betrieb (Warnemünde)

Digitale Schiene Deutschland – Erstes Digitales Stellwerk für Fernverkehrsstrecke in Betrieb (Warnemünde)

Was ist die Digitale Leit- und Sicherungstechnik?

Unser Ziel ist es, neue Chancen der Digitalisierung für den Bahnverkehr zu nutzen und den Schienenverkehr in die Zukunft zu überführen.
Mit der Einführung der DLST werden viele Vorteile für die Infrastruktur generiert. Dabei sollen die vielen unterschiedlichen Stellwerkstechniken, die heute im Einsatz sind, flächendeckend abgelöst und herstellerbezogene Unterschiede in deren Bedienung aufgehoben werden. So vereinfachen und verbessern wir die Bedienung, Instandhaltung und Qualifizierung.
Die Vorteile:

  • Mehr Funktionalität
  • Mehr Pünktlichkeit
  • Höhere Verfügbarkeit

Mit der neuen Generation der Leit- und Sicherungstechnik – der Digitalen Leit- und Sicherungstechnik – stellt das Technik- und Anlagenmanagement der DB Netz AG in den kommenden Jahren erstmals eine technische Lösung bereit, um das gesamte Netz mit einer einheitlichen Plattform ausstatten zu können. So ist ein wirtschaftlicherer Betrieb möglich.
Digitale Leit- und Sicherungstechnik setzt sich aus den folgenden Kernsystemen und Projekten zusammen:

  • Digitales Stellwerk (DSTW), 
  • European Train Control System (ETCS)
  • integriertes Leit- und Bediensystem (iLBS)


Des Weiteren baut die Digitale Leit- und Sicherungstechnik auf unterstützenden Systemen und weiteren Entwicklungsprojekten auf, wie zum Beispiel:

  • Bahnbetriebliches IP-Netz (bbIP
  • IT-Security (ITsec)

Das Digitale Stellwerk (DSTW) – eine neue Stellwerksgeneration

Ein wichtiger Baustein für die Bahn der Zukunft

Das Digitale Stellwerk (DSTW) ist eine Weiterentwicklung des Elektronischen Stellwerks (ESTW) und wird im Rahmen der Digitalen Leit- und Sicherungstechnik über ein neues Bediensystem gesteuert. Digitale Stellwerke ersetzen mit Digitaler Leit- und Sicherungstechnik die vielen verschiedenen Stellwerkstypen diverser Bauarten und Generationen. Im Gegensatz zum ESTW übermittelt ein DSTW die Stellbefehle digital per Glasfaserkabel an Weichen und Signale.

Die Vorteile:

  • Größere Stellentfernung
  • Standardisierte Schnittstellen
  • Zustandsbasierte Instandhaltung
  • Trennung von Energie und Daten
  • Verbesserte Diagnosefähigkeit

Da die standardisierten Schnittstellen des DSTW offen und IP-basiert sind, können Komponenten unterschiedlicher Hersteller zu einem Gesamtsystem zusammengeschaltet werden. Die DB Netz AG ermöglicht so auch einen Wettbewerb für diverse technische Lösungen einzelner Hersteller, um Komponenten zu realisieren.

Dies führt zu mehr Qualität und Wirtschaftlichkeit der Leit- und Sicherungstechnik – ein wesentlicher und wichtiger Beitrag zur Digitalen Schiene Deutschlands.

Digitales Testfeld Bahn (Erzgebirge)

Digitales Testfeld Bahn (Erzgebirge)

Bundesweiter Rollout der neuen Stellwerkstechnik

Um eine neue Technologie auszurollen, muss diese natürlich entwickelt, erprobt und zugelassen werden. Im Fall der Digitalen Stellwerke haben wir den Weg in vier Phasen eingeteilt:

  1. Referenzimplementierungen
  2. Vorserie
  3. Industrialisierungsprojekte sowie das Starterpaket
  4. industrieller Flächen-Rollout

Einzelne Schnittstellen wurden bereits in Referenzimplementierungen (Phase 1) realisiert und erprobt. Folgende Projekte sind nun Teil der Vorserie (Phase 2), in denen die Schnittstellen erbaut und getestet werden:

  • Warnemünde
  • Meitingen-Mertingen
  • Harz-Weser-Netz
  • Koblenz-Trier


In den Industrialisierungsprojekten sowie dem Starterpaket (Phase 3) erproben wir unter anderem Planungsgrundlagen und überführen sie in das Regelwerk. Mit dem industriellen Flächenrollout (Phase 4) können wir Digitale Stellwerke mit ETCS-Technik schließlich in Betrieb nehmen und deutschlandweit einführen.

Schon jetzt mehr Kapazität im Schienennetz

Digitale Stellwerke sind neben dem European Train Control System (ETCS) Kernsysteme der Digitalen Leit- und Sicherungstechnik – für ein Plus an Kapazität im Schienennetz. Künftig sollen 280 Digitale Stellwerke den Bahnbetrieb auf Deutschlands Schienennetz steuern. Seit 2018 ist bereits das Digitale Stellwerk in Annaberg-Buchholz in Betrieb, Nummer zwei ist seit Herbst 2019 in Warnemünde am Start. Drei weitere folgen sukzessive bis 2023.

Das erste Digitale Stellwerk Europas – von Annaberg-Buchholz ins deutsche Schienennetz

Die erzgebirgische Kreisstadt schreibt Eisenbahngeschichte: In Annaberg-Buchholz hat das neue Zeitalter der digitalen Stellwerkstechnik bereits begonnen. Weichen und Signale wurden hier mit einem System der Firma Siemens verlässlich digital gestellt.

Das integrierte Leit- und Bediensystem (iLBS) – Das Bediensystem der Zukunft

Entwickelt im Projekt Design Integrierter Bedienplatz (DiB)

Mit dem integrierten Leit- und Bediensystem (iLBS) wird das Bediensystem der Zukunft entwickelt. Es entsteht die wichtigste „Mensch-Maschine“ Schnittstelle für die künftige Steuerung und Überwachung des gesamten Verkehrs auf den Strecken der DB Netz AG.

Das iLBS bündelt alle betriebserforderlichen Anwendungen und vereinheitlicht die Bedienung. Mittels einer neu entwickelten Schnittstelle zum ESTW/DSTW (SCI-CC_LST) wird eine 100%-ige Standardisierung gewährleistet, so dass sich die Stellwerke unabhängig vom Hersteller gleich verhalten und die Bedienunterschiede wegfallen. Mit dieser Harmonisierung vereinfachen sich Bedienung, Schulung und Instandhaltung deutlich.

In der künftigen Bedienung werden die sicherheitsrelevanten Aspekte von der Bedien- in die Stellwerksebene verlagert. Dadurch wird zum einen eine hardwareneutrale Entwicklung möglich. Zum anderen können handelsübliche Hardware-Komponenten eingesetzt werden, was kostensenkend wirkt und künftig den Prozess der Zulassung enorm vereinfacht. 

Mit der Neuentwicklung des iLBS geht auch die Entwicklung eines neuen integrierten Bedienplatzes (iBP) einher. Mit dem iBP startet eine neue Generation von Bedien-Arbeitsplätzen mit einer vereinheitlichten, tageslicht-tauglichen Bedienoberfläche und einer anwenderfreundlichen, intuitiven und zukunftsweisenden Bedienerführung.

Das iLBS und der iBP – die Vorteile:

  • einheitliche, flexible, herstellerübergreifende Bedienung
  • effiziente Betriebsführung
  • hersteller- und hardwareneutrale Entwicklungen
  • Einsatz von handelsüblichen Komponenten
  • flexible Zuordnung der Stellwerke auf Bedienorte 
  • leichtere Integration und Austausch der Systeme im fahrenden Betrieb
  • Tageslicht-Arbeitsplätze und Verbesserung der Arbeitsbedingungen
  • intuitive Bedienerführung für alle betriebserforderlichen Anwendungen


Mit dem integrierten Leit- und Bediensystem und den neuen integrierten Bedienplätzen leistet das Projekt DiB einen weiteren wichtigen Beitrag zur Zuverlässigkeit, Effizienz und Digitalisierung des Bahnsystems. Gemeinsam mit den Entwicklungen zu ETCS und DSTW begründet das neue Bediensystem ein Zusammenspiel, durch das das künftige digitale Bahnsystem sein volles Potenzial entfalten kann.

Mit iLBS werden DSTW-Vorserienprojekte und ESTW ausgestattet

Die Realisierung des iLBS erfolgt in mehreren Releases

Mit Release 1 werden zunächst die ESTW/DSTW-Bedienfunktionalitäten implementiert und um die ETCS-Funktionalitäten erweitert. Die Integration der Systeme Telekommunikation, Meldeanzeigesystem und Dispo erfolgt in weiteren Releases.

Das erste iLBS wurde erfolgreich im November 2020 in Betrieb genommen. Mit neuen iBP in Göttingen wird aus der regionalen Bedienzentrale das ESTW Seesen bedient. Mit der Inbetriebnahme ist die vollständige Standardisierung der Schnittstelle SCI-CC_LST umgesetzt.

Die nächsten iLBS-Inbetriebnahmen erfolgen in 2021 im Rahmen weiterer Referenzprojekte im Bereich der ESTW Göttingen, Seesen Harzwesernetz (HWN) und Kreiensen. In diesem Schritt wird die herstellerübergreifende Bedienung realisiert.

Weitere Projekte folgen:

  • Koblenz-Trier – IBN 2022 (Vorserienprojekt, Neubau DSTW)
  • Harz-Weser-Netz – IBN 2023 (Vorserienprojekt, Neubau DSTW)
  • Kreiensen II – IBN 2024 (Erweiterung Referenzimplementierung., Neubau ESTW)
  • Düsseldorf – IBN 2024 (iBS Steuerzentrale, Neubau ESTW)
  • Projekt Stuttgart-Ulm – IBN 2025 (DSD Starterpaket, Neubau DSTW ETCS